01.02.2026
English below!
Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, mir die Ausstellung „Amazonia“ von Sebastiao Salgado anzusehen, die zur Zeit im Kölner Rautenstrauch-Joest Museum gezeigt wird.
Meine Eindrücke will ich in ein paar Überlegungen transferieren, die für unsere Frage nach der (Stimm-) Kunst in der versehrten Welt, wie wir sie in der vocal ecotism-Recherche stellen, relevant sind. Mir geht es also nicht um eine „Kritik“ der Ausstellung, auch wenn meine Skepsis ziemlich stark durchscheinen wird. Die künstlerische Qualität der Fotos von Salgado ist in gewisser Weise über jeden Zweifel erhaben, denn es gelingt nicht so vielen Fotografen, einen Stil zu entwickeln, der weltweit sofort erkannt wird, wenn man eines seiner Bilder sieht. Eine andere Frage ist, ob diese Fotos dem Zweck des Schutzes des Regenwalds dienlich sind. Dazu sage ich gleich mehr.
Mein Text ist kürzer als es nötig wäre, um alle Aspekte, die ich anspreche, angemessen zu behandeln. Ich bitte also die argumentativen Löcher zu verzeihen und meine Überlegungen nur als Anregung für weiterführende Gedanken zu verstehen!
Zuerst will ich auf die Debatte eingehen, in der der Ausstellung vorgeworfen wird, dass einige der Sponsoren damit Greenwashing betreiben. Ausgelöst wurde die Debatte durch einen offenen Brief mehrerer Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen, die insbesondere den beiden Banken KfW und DEG und der Zurich-Versicherung vorwerfen, mit ihren Geschäftspraktiken die Zerstörung des Regenwalds zu fördern und systematisch die Rechte der dort lebenden indigenen Gruppen zu missachten. Den Brief kann man hier nachlesen:
Vermutlich haben die Unterzeichner des Briefes damit völlig recht. Das ist ein Fall von klassischem Greenwashing. Doch vielleicht ist diese Antwort dann für unsere Fragen zu einfach und erlaubt etwas zu schnell, die „böswilligen“ von den „gutwilligen“ Handlungen zu unterscheiden.
In der Ausstellung stellt die Zurich-Versicherung ihr Aufforstungs-Projekt vor, mit dem 2 Millionen Bäume gepflanzt werden sollen; wenn ich das richtig verstanden habe, geht es dabei um den Regenwald. Das ist natürlich im Angesicht der immensen Zerstörungen, die mehr oder weniger ungehemmt fortgeführt werden, eine geradezu rührende Aktion. Ich glaube, dass die Mitarbeitenden in diesem Projekt und wahrscheinlich sogar die CEOs, die es auf den Weg gebracht haben, damit ehrliche und gute Absichten verbinden und sie nicht in erster Linie das Greenwashing ihres Unternehmens im Auge haben. Nebenbei gesagt hat ja Salgado etwas ganz Ähnliches, wenn auch sehr viel Beeindruckenderes gemacht. Gemeinsam mit seiner Frau hat er buchstäblich mit eigenen Händen über Jahrzehnte ein ganzes Tal, in dem vor fünfzig Jahren kein Baum mehr stand, wiederaufgeforstet. Auch das ist angesichts der Verwüstungen, die im Amazonas-Gebiet passieren, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem ist es wichtig und gut, dass es solche Projekte gibt. Aber sie ändern nichts an dem eigentlichen Problem, nämlich einem im Geist des Kapitalismus gebauten und funktionierenden System, das die wirtschaftlichen Fragen von Profit und Geldvermehrung über die viel wichtigere Frage stellt, wie wir der Zerstörung der terrestrischen Fauna und Flora Einhalt gebieten können. Eine Ausstellung wie „Amazonia“, die als Tournee durch die Welt tingelt, ist unvermeidlich Teil dieses kapitalistischen Systems und kann überhaupt nur stattfinden, wenn Kompromisse mit den Vorgaben dieses Systems eingegangen werden.
Ist es trotzdem gut und wertvoll, solche Ausstellungen zu machen? Meine Antwort ist ein entschiedenes Jein. Um das zu erläutern, wende ich mich dem zu, was in der Ausstellung gezeigt wird. Den dominanten Teil bilden die meist sehr großen Fotos von Salgado, die man grob in drei Kategorien einordnen kann. Da gibt es die Luftaufnahmen über dem Amazonas-Gebiet, die den größten Teil der Ausstellung einnehmen.
Dann sieht man Naturaufnahmen, die etwas näher dran sind und Ausschnitte aus den Landschaften zeigen, Flüsse, Seen oder Waldgebiete, manchmal auch einfach ein Blick auf eine Pflanzenwand, die schier undurchdringlich erscheint. Die dritte Kategorie sind die Einzelportraitaufnahmen von indigenen Bewohnern des Regenwaldes und von dort lebenden Gruppen. Außerdem gibt es Bereiche mit Informationen über den Regenwald und über Salgados Leben und Werk. Und zu guter Letzt einige Videos, in denen Leute, die in ihren indigenen Gruppen eine Leitungsfunktion einnehmen, ein Statement zur Situation abgeben. Meiner Ansicht nach sind diese Videos das stärkste Signal, das von der Ausstellung ausgeht.
Die Fotos von Salgado dagegen hinterlassen bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Salgados Stil ist bekannt: Schwarz-weiß-Fotos, oft etwas überscharf und in den Landschaftsfotos ein Spiel von Schärfe und Unschärfe. Diese Stilmittel tragen dazu bei, dass die Bilder sehr oft „bigger than life“ erscheinen und von ihnen eine gewisse Distanz ausgestrahlt wird. Bei den Portraits führt das zur Gefahr des Exotismus. Die Leute sind zwar alle mit einer großen Würde dargestellt. Aber die Personen in den Bildern, meist in einer traditionellen Tracht mit Bemalungen auf dem Körper, sagen: „Ich bin anders, ich bin fremdartig. Du kannst mich im Grunde nicht verstehen.“ Ist das die Botschaft, die wir brauchen? Sollten wir nicht eher betonen, dass wir uns ähnlich sind, dass wir zur Familie der Menschheit gehören, die nur gemeinsam das Schlimmste für die Erde verhindern kann?
Bei den Landschaftsaufnahmen aus der Luft zeigt sich eine andere Schwierigkeit: Die Perspektive, aus der der Regenwald und die angrenzenden Gebiete fotografiert sind, ist sozusagen diejenige Gottes. Eines Wesens, das über den Dingen schwebt. Da wird eine Hierarchie aufgebaut, die dem alten kolonialen Selbstverständnis von uns Westlern viel zu sehr entspricht, als dass es nicht angetriggert würde, sobald wir die Bilder sehen. Auch hier stellt sich die Frage, ob mit solchen Mitteln wirklich ein Bewusstseinswandel herbeigeführt werden kann. Ich habe da meine Zweifel.
Was heißt das alles für unsere eigenen Bemühungen um eine Kunst für die versehrte Welt? Auch wenn die Gefahr für uns relativ gering ist, von der KfW-Bank oder der Zurich Versicherung gesponsort zu werden, ist es gut, im Blick zu haben, dass unsere gutgemeinten Projekte immer in Gefahr sind, systemstabilisierend zu wirken. Die ökologische Kunst sorgt schnell für das gute Gewissen der Gesellschaft, die sich ansonsten wieder entspannt zurücklehnen kann. Außerdem sollten wir immer mitbedenken, dass Klimawandel, Artensterben und Umweltverschmutzung integrale Bestandteile des völlig aus dem Ruder gelaufenen spätkapitalistischen Systems sind. Eine wenn auch bescheiden wirkende Aufgabe der Kunst kann es sein, zu lernen, sich diesem System zumindest teilweise zu verweigern und stattdessen ein Weltverständnis einzuüben, in dem der Respekt vor mir selbst, vor allen anderen Menschen und der mehr als menschlichen Welt im Vordergrund steht. Das ist nicht einfach und braucht neben vielem anderen, den Mut sich zu verändern.
Dazu kann eine Ausstellung wie „Amazonia“ Impulse geben, aber die Kunst hat von dort aus noch einen weiten Weg vor sich.
Salgado and the Wounded World
A few days ago, I had the opportunity to see Sebastiao Salgado's exhibition ‘Amazonia’, which is currently being shown at the Rauthenstrauch-Joest Museum in Cologne.
I would like to translate my impressions into a few thoughts that are relevant to our question about the art of voice in a wounded world, as we ask it in our vocal ecotism research. So I am not aiming to ‘criticise’ the exhibition, even though my scepticism will probably shine through quite strongly.
The artistic quality of Salgado's photos is, in a sense, beyond doubt, because there are not many photographers who manage to develop a style that is instantly recognisable around the world when you see one of their pictures. Whether these photos serve the purpose of protecting the rainforest is another question. I will say more about that in a moment.
My text is shorter than it needs to be to adequately cover all the aspects I address. I therefore ask you to forgive any gaps in my argument and to view my thoughts merely as food for further reflection!
First, I would like to address the debate in which the exhibition is accused that some of the sponsors are using it for greenwashing. The debate was triggered by an open letter from several environmental and human rights groups, which specifically accuse the two banks KfW and DEG and Zurich Insurance of promoting the destruction of the rainforest and systematically disregarding the rights of the indigenous groups living there through their business practices. The letter can be read here (in German):
The people who signed the letter are probably totally right. This is a classic case of greenwashing. But maybe this answer is too simple for our questions and allows us to distinguish between ‘malicious’ and ‘well-intentioned’ actions a bit too quickly.
In the exhibition, Zurich Insurance presents its reforestation project, which aims to plant 2 million trees; if I understand correctly, this project focuses on the rainforest. Given the immense destruction that continues more or less unrestricted, this is, of course, a rather ridiculous initiative. I believe that the employees involved in this project, and probably even the CEOs who initiated it, have honest and good intentions and are not primarily concerned with greenwashing their company.
Incidentally, Salgado has done something very similar, albeit much more impressive. Together with his wife, he has literally re-forested an entire valley, with his own hands, over decades, a valley in which there were no trees left fifty years ago.
Given the devastation occurring in the Amazon region, this is merely a drop in the ocean. Nevertheless, it is important and beneficial that such projects exist.
But they do nothing to change the real problem, namely a system built and operating in the spirit of capitalism, which places economic issues of profit and money-making above the much more important question of how we can halt the destruction of terrestrial fauna and flora. An exhibition such as ‘Amazonia’, which tours the world, is inevitably part of this capitalist system and can only take place if compromises are made with the requirements of this system.
Is it still worthwhile and valuable to hold exhibitions like this? My answer is a definite yes and no. To explain this, I will turn to what is on display in the exhibition. The dominant part consists of Salgado's mostly very large photographs, which can be roughly divided into three categories. There are the air photographs of the Amazon region, which make up the largest part of the exhibition.
Then you see nature photographs that are a little closer up and show details of the landscapes, rivers, lakes or forest areas, sometimes simply a view of awall of plantsthat appears almost impenetrable. The third category consists of individual portraits of indigenous inhabitants of the rainforest and groups living there.
There are also sections with information about the rainforest and Salgado's life and work. And last but not least, there are several videos in which people who hold leadership positions in their indigenous groups make statements about the situation. In my opinion, these videos are the strongest message conveyed by the exhibition.
Salgado's photos, on the other hand, leave me with mixed feelings. Salgado's style is well known: black-and-white photos, often slightly oversharpened, and in the landscape photos, a play of sharpness and blurring. These stylistic devices contribute to the images often appearing ‘bigger than life’ and radiating a certain distance. In the case of the portraits, this leads to the danger of exoticism.
The people are all portrayed with great dignity. But the individuals in the pictures, mostly dressed in traditional costumes with body paint, are saying: ‘I am different, I am strange. You cannot really understand me.’ Is that the message we need? Shouldn't we rather emphasise that we are similar, that we belong to the human family, which can only prevent the worst for the Earth by working together?
The aerial landscape shots reveal another difficulty: the perspective from which the rainforest and the surrounding areas are photographed is, so to speak, that of God. A being that towers above everything. This creates a hierarchy that corresponds far too closely to the old colonial self-image of us Westerners, so that it is triggered as soon as we see the images. Here, too, the question arises as to whether such means can really bring about a change in consciousness. I have my doubts.
What does all this mean for our own efforts to create art for a wounded world? Even though the risk of us being sponsored by KfW Bank or Zurich Insurance is relatively low, it is good to bear in mind that our well-intentioned projects are always in danger of having a system-stabilising effect. Ecological art quickly appeases the conscience of society, which can then sit back and relax for the rest of the day.
Furthermore, we should always bear in mind that climate change, species extinction and environmental pollution are integral components of the completely out-of-control late capitalist system. One task of art, albeit a seemingly modest one, may be to learn to reject this system, at least in part, and instead to practise an understanding of the world in which respect for myself, for all other people and for the more-than-human world is paramount. This is not easy and, among many other things, requires the courage to change.
An exhibition such as ‘Amazonia’ can provide impulses for this, but art still has a long way to go from there.






