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aus: Ralf Peters "Wege zur Stimme.

Reisen ins menschliche Stimmfeld"

erschienen beim Unverzagt Verlag Köln

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Die Idee der ganzen Stimme

 

Alfred Wolfsohn

 

Die Anfänge des Paradigmenwechsels von der schönen Stimme zur ganzen Stimme sind verbunden mit den Namen Friedrich Nietzsche und Alfred Wolfsohn. Beginnen wir mit dem jüngeren. Wolfsohn wurde 1896 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren und mußte schon als 18jähriger in die Schützengräben des 1. Weltkrieges. Seine Erfahrungen zwangen ihn, sich mit dem Phänomen der menschlichen Stimme auf eine neue Art auseinanderzusetzen: Als Sanitätssoldat an der Westfront war er immer wieder den herzzerreißenden Schreien von Soldaten ausgesetzt, die oft genug zwischen den Fronten lagen und sterbend um Hilfe riefen. Der Krieg entließ Wolfsohn mit einer Kriegspsychose. Er wurde die Stimmen der Sterbenden nicht mehr los, die ihn wieder und wieder in die Bewußtlosigkeit trieben. Die Ärzte waren ratlos und Wolfsohn machte sich alleine auf die Suche nach Heilung. Nach verschiedenen Therapieversuchen und einer Reise nach Italien begann er zu erkennen, daß die künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt und sich selbst einen Weg darstellen kann, die "Wunden seiner Seele" zu schließen. Das künstlerische Mittel, das sich ihm für seinen Weg anbot, war die menschliche Stimme. Er hatte die zerstörerische Kraft der Stimmen, die im Todeskampf aufschreien, am eigenen Leibe erfahren müssen. Nun entdeckte er ihr schöpferisches Potential, das sich entfalten kann, wenn man beginnt, allen Klängen, die den Weg aus dem Innern des Menschen in die Welt finden, zuzuhören. Das war die Geburtsstunde der Idee der ganzen Stimme. Wolfsohn hatte nicht nur seine Lebensaufgabe gefunden; zugleich gelang es ihm, die menschliche Stimme auf eine ganz neue Weise zu betrachten. Er war zu der Erkenntnis gezwungen worden, daß Menschen in Ex-tremsituationen zu einem stimmlichen Ausdruck "in der Lage" sind, der im Vergleich zu der sogenannten normalen Stimme un-menschlich zu klingen scheint, weil er die kulturell gesetzten und üblicherweise unangetasteten Grenzen weit hinter sich läßt. Doch bei Wolfsohn erscheinen die Stimmen erstmals nicht als unmenschlich. Sie sind im Gegenteil Ausdruck einer Menschlichkeit, die in ihrer Direktheit den Hörenden wie den Tönenden berührt.

Bis dahin könnte man in der Geschichte Wolfsohns nur den individualpsychologisch interessanten Fall der Heilung von einer Kriegspsychose sehen. Daraus allgemeine Folgerungen über die menschliche Stimme und ihre lebensweltlichen und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten zu ziehen, wäre wohl ziemlich gewagt. Doch die lebensumstürzenden Erfahrungen Wolfsohns liefen parallel zu einer allgemeinen kulturellen Umbruchsphase, die wie immer ihren Ausdruck in den Schicksalen vieler einzelner Menschen fand. Wolfsohn gehörte zu denjenigen, die den Zusammenbruch der alten Welt buchstäblich an vorderster Front erleben mußten und aus eigener Not und eigenem Antrieb nach Rahmen und Fundamenten suchten, die neuen Halt und Orientierung bieten würden. Es ist kein Zufall, daß die Ereignisse, die Wolfsohn zu seinem neuen An-satz für die Stimmentwicklung gebracht haben, während und nach dem ersten Weltkrieg statt fanden. Der Weltkrieg stellte die erste flächendeckende und wohl schon entscheidende Erschütterung des klassischen europäischen Menschen-, Bildungs- und Schön-heitsideals dar: des Wahren, Schönen, Guten. Nietzsche hat mit seinem seismographischen Gespür für kulturelle Bewegungen wohl als erster die zukünftigen Erschütterungen kommen sehen und nicht wenig dazu beigetragen hat, sie zu verstärken. Der künstlerischen Moderne wurde durch den 1.Weltkrieg der Weg gebahnt. Kurz vor dem Krieg gab es bereits Anzeichen für einen revolutionären Bruch mit Traditionen, die keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr zu bieten schienen. Man denke an Schönbergs erste atonale Kompositionen, Picassos und Braques kubistische Erstlingswerke oder Marcel Duchamps "Akt, die Treppe herabsteigend". Nach dem Krieg wurde das Bewußtsein, daß es nicht weitergehen konnte wie bisher, zu einer breiten gesellschaftlichen Strömung, die auf allen kulturellen Feldern ihre Wirkungen zeigte.

In diese Strömung gehört die Leistung Alfred Wolfsohns mit hinein. Er war der Pionier einer Stimmentwicklung, die die schöne Stimme aus ihren kulturellen Beschränkungen befreien und Raum schaffen wollte für die ganze Stimme. Um seine Leistung würdigen zu können, muß wir uns heute vergegenwärtigen, wie wenig Gelegenheiten es in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gab, Musik und Gesang zu hören, die nicht den traditionellen europäischen Vorstellungen entsprachen. Mit dem amerikanischen Swing und Sängerinnen wie Josephine Baker hatte gerade ein ganz neuer Stil in den Metropolen Europas Begeisterungsstürme ausgelöst, aber Rock´n´Roll und Pop waren noch für Jahrzehnte "Zukunftsmusik" – ganz zu schweigen von der heutigen Weltmusikbewegung und unseren Möglichkeiten, praktisch alle Gesänge, die auf der Welt existieren, auf Tonträger oder sogar in Konzerten hören zu können. Anfang des letzten Jahrhunderts war der Horizont für Stimmklänge, die zum Bereich des Singens gezählt wurden, sehr viel kleiner als gegenwärtig, da man kaum etwas anderes hören konnte als den Gesang der eigenen Kultur. Und – im Falle Wolf-sohns - die Todesschreie der Soldaten in einem Krieg, der das Ende der alten Welt markierte.

 

Friedrich Nietzsche

 

Auf seinen Grabstein, den man heute auf einem Friedhof im Norden Londons findet, ließ Wolfsohn ein Zitat Friedrich Nietzsches meißeln: Lerne singen, o Seele! Neben Goethe und C.G. Jung hatte wohl der Philosoph Nietzsche auf Wolfsohns intellektuelle Entwicklung den größten Einfluß, der sich auch auf seine Ideen zur menschlichen Stimme auswirkte. In der Tat finden sich einige Parallelen zwischen den sporadischen Bemerkungen Nietzsches zur Stimme und Wolfsohns systematischem Ansatz.

Schon Nietzsche hat hervorgehoben, wie wichtig die Eigenbedeutung des reinen Stimmklangs für die menschliche Kommunikationfähigkeit ist und hat erkannt, daß die sprachlich gefaßten Informationsgehalte – das, was man aufschreiben kann - nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was in der Rede mitgeteilt wird. Wolfsohn greift den Gedanken auf und macht sich daran, die Bedeutungswelten der reinen Stimme zu erforschen. Ihm ging es nie bloß um die selbstgefällige Suche nach neuen, außergewöhnlichen Stimmklängen. Erst durch die Ent-Deckung der Bedeutsamkeit jedes Stimmklangs für den, der spricht oder singt, gewinnen die Stimmen ihre Lebendigkeit und werden zum integralen Bestandteil des menschlichen Ausdrucks-geschehens.

Doch nicht nur die inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen Nietzsche und Wolfsohn legen es nahe, den Philosophen zu den geistigen Vätern des Paradigmas der ganzen Stimme zu zählen. Was Nietzsche für Wolfsohn - und große Teile der entstehenden Moderne - so wichtig macht, ist die neue Art und Weise, wie er mit den Gegenständen, die er sich wählt, umgeht. Nietzsches primäres Interesse galt nicht der menschlichen Stimme, sondern der Moral, einem Thema, das – anders als die Stimme - schon seit jeher die Philosophen beschäftigt hat. Aber Nietzsche versucht etwas ganz neues: eine Moralphilosophie von einem außermoralischen Standpunkt aus! Den traditionellen Moralphilosophen warf er mit Recht vor, daß es ihnen nicht um eine philosophische Klärung dessen gehe, was Moral ist oder wie und unter welchen Bedingungen sie entsteht. Moralphilosophie war bis Nietzsche eine Rechtfertigung der jeweils bestehenden Moral mit den Mitteln der Vernunft, also selbst eine höchst moralische Angelegenheit. Die Philosophie stellte sich auf die Seite der guten Moral, d.h. es wurde immer schon vorausgesetzt, daß die herrschende Moral, oder die Version, die vom jeweiligen Philosophen gerade vertreten wurde, die einzig richtige sei und daß man genau diese Richtigkeit mit Vernunftsgründen beweisen könne. Zwar konnte niemand übersehen, daß die Moral im Laufe der Zeiten Wandlungen unterworfen war, die aber gerne damit erklärt wurden, daß es sich um Vorstufen oder einfach fal-sche Moralen handelte und man in der Gegenwart endlich die letztgültigen Moral gefunden und philosophisch abgesichert habe. Das Phänomen der Moral selbst, ihr Entstehen, ihre Geschichte und Funktion in einer Gesellschaft wurden aber nie problematisiert.

Dagegen setzte Nietzsche sein philosophisches Programm, in dem er alle moralischen Regelwerke relativierte und auf die Triebstrukturen der Gesellschaften und ihrer Individuen zurückführte. Ihn interessierte nicht die Rechtfertigung moralischer Regeln. Er wollte herausfinden, unter welchen Bedingungen diese Regeln entstehen, wie die Unterschiede möglich sind und welche Aufgabe Moral in einer Gesellschaft spielt. Dabei hat er auch die Frage zu stellen gewagt, welchen Einfluß und welche Funktion das sogenannte Böse auf die Entwicklung der mensch-lichen Kulturen hatte und hat. Die Antworten Nietzsches muß man nicht teilen. Er glaubte bald zu einer grundlegenden Klas-si-fizierung von "Sklaven- und Herrenmoralen" vorgestoßen zu sein und war selbstverständlich ein Anwalt der letzteren. Doch damit kam er den Moralisten, denen es um die Rechtfertigung von Moral und nicht um ihre Analyse gegangen war, schon wieder gefährlich nahe. Aber die Frage nach der Integration der dunklen Seiten des Menschen, all dem das schwerlich als wahr, schön und gut bezeichnet werden kann, ist spätestens nach dem Zusammenbruch des humanistischen Menschenbildes durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, von denen der erste Weltkrieg ja nur den Anfang markierte, aktuell geworden. Nietzsche hat damit den Rahmen der traditionellen Morallehre gesprengt und ein Vorbild gegeben für die Auseinandersetzung mit der Kultur und der Kunst in der Moderne. Über sein Thema der Moral wollte er von einem Standpunkt “Jenseits von Gut und Böse” d.h. aus der außermoralischen - nicht unmoralischen! – Perspektive sprechen.

Bei Alfred Wolfsohn und seiner Arbeit mit der Stimme könnte man parallel zu Nietzsche von einem Ausgangspunkt "jenseits von schön und häßlich" sprechen. Was bedeutet das im Konkreten? Wolfsohn war kein akademischer Philosoph. Ihm ging es nicht um die theoretische Analyse des Phänomens Stimme. Er verstand sich in erster Linie als Stimmlehrer und kam durch leidvolle persönliche Erfahrungen zu der Auffassung, daß die Einteilung der Stimme in Lagen, Register und Charaktere, genauer gesagt, die Einordnung einer Stimme in eine Lage, ein Register und einen Charakter überkommene Beschränkungen der herrschenden Kultur und ihres Schönheitsideals sind. Von der natürlichen Anlage her ist nach Wolfsohn jede Stimme fähig, nahezu alle menschlich möglichen Register und Lagen zu singen und unzählige Stimmfarben und Timbres hervorzubringen, die freilich nicht unbedingt unter die ästhetische Kategorie des schönen Gesangs fallen. Bis Wolfsohn war die theoretische Erfassung der menschlichen Stimme – sofern sie überhaupt statt fand - nur eine mit Nietzsche gesagt, gelehrte Form des guten Glaubens an das jeweils herrschende Schönheitsideal, also ein Tatbestand innerhalb dieser Betrachtungskategorie selbst.

Erst Alfred Wolfsohn macht die einschränkende Idee des Stimmideals, das nur an Schönheit orientiert ist, fragwürdig und erweitert unseren Horizont, vor dem Stimmliches erscheinen kann. So wie Nietzsche durch seinen Perspektivwechsel plötzlich auch die sogenannten bösen Handlungsweisen der Menschen zu einem gleichberechtigten Gegenstand moralphilosophischer Untersuchungen machte und dadurch großartige Einsichten in die Psychologie des modernen Menschen gewann, wendet sich Wolfsohn auch den dunklen Anteilen der Stimme zu, hört hin, wo bislang nur Abwehr vorherrschte und entdeckt so die ganze Stimme mit ihren vielfältigen Beziehungen zum Menschen und seiner Persönlichkeit. Und damit erschüttert er erstmals das Funda-ment der Selbstverständlichkeiten, auf denen jedes Nachdenken über die Stimme und jeder kulturell akzeptierte Umgang mit ihr seit Platon fußte.

Wolfsohn wurde zum Pionier eines neuen Paradigmas, mit dem das Verständnis der ganzen menschlichen Stimme möglich wird. Er löste sie aus dem Schatten von Sprache und musikalischer Struktur heraus und befreite sie aus der Fokussierung auf die Schönheit und die Präferenz für die hohe Stimme, die damit einherging. So machte er den Blick, oder besser das Gehör frei für die ganze menschliche Stimme, erlaubt uns Schönes in der Stimme an Orten zu finden, wo wir es nie vermutet hätten und bietet zudem der Philosophie gute Gründe, sich endlich mit der Stimme zu beschäftigen.

Wolfsohns Ansatz bringt zum Vorschein, daß die Stimme mehr ist als ein bloß ästhetisch interessantes Phänomen, daß sie in existentieller Weise auf den Menschen verweist, in psychologischer wie in anthropologischer Hinsicht. Doch von Anfang an war Wolfsohn eines klar: Die Idee der ganzen Stimme läßt sich nicht allein theoretisch umsetzen. Es reicht nicht, darüber zu schreiben, denn die Konsequenzen dieses neuen Denkens müssen hörbar gemacht werden. Man kann kein Buch über die ganze Stimme schreiben ohne eigene Erfahrungen mit dem stimmlichen Klanguniversum gemacht zu haben und dasselbe Buch zu lesen ergibt nur dann wirklich Sinn, wenn die Lektüre dazu anregt, die eigene Stimme in all ihren Facetten kennenzulernen.