sorry, this time only in German. The text is much about translating, too difficult for me to do exactly that! But maybe AI will help!??
Ein paar Überlegungen nach der Lektüre von
„Denkzugänge“ von Francois Jullien (Matthes&Seitz 2026).
Der Philosoph und Sinologe Jullien begleitet mich mit seinen Büchern seit vielen Jahren. Bei ihm finde ich immer wieder neue Anregungen für meine eigene meist künstlerische Beschäftigung mit dem chinesischen Denken. Zugleich ist das Besondere an seinem Ansatz, dass er den Weg über China geht, um in einen Abstand zum eigenen, in dem Fall europäischen Denken zu kommen. Der Einblick in die chinesische Art, die Welt zu sehen, erlaubt uns zu erkennen, wie sehr sichdas europäische Denken, das sich aus den jüdisch-christlichen und altgriechischen Quellen speist, auf bestimmte Grundentscheidungen stützt, die meist als selbst-verständlich und nicht mehr hinterfragbar gelten. Doch das alte China hat andere Grundentscheidungen getroffen und sein Denken deshalb auf andere Weise entwickelt.
In seinem neuen Buch nimmt sich Jullien des ersten Satzes aus dem I Ging, dem berühmten Buch der Wandlungen an und zeigt auf, wie es möglich sein könnte, einen solchen Satz zu übersetzen, ohne ihn einfach in das eigene Denkgebäude zu übertragen.
In diesem Zusammenhang übersetzt er auch die Bezeichnungen der beiden am Anfang stehenden Hexagramme des I Ging neu. In der noch heute als Referenz geltenden Übersetzung von Richard Wilhelm von 1924 steht da für den Himmel das Schöpferische und für die Erde das Empfangende. Jullien macht daraus das
„initiatorische Vermögen“ (frz. capacité initiatrice)
und das „rezeptive Vermögen".
Auf die faszinierende Geschichte der europäischen I-Ging-Übersetzungen kann ich hier nicht eingehen. Aber man kann sich nur wundern, was schon aus dem ersten Satz, der aus vier vermeintlich einfachen Begriffen besteht, so alles gemacht wurde und wird!
Jullien gibt die folgende Wort-für-Wort-Übersetzung:
Julliens Wortwahl für die beiden Vermögen - initiatorisch/rezeptiv) erlaubt es mir, diese ursprünglichen Bewegungen oder Kräfte mit der Art in Zusammenhang zu bringen, wie Stimme und Gehör miteinander im Spiel sind: das Gehör steht für ein rezeptives Vermögen, das mitbestimmt, welche initiatorischen Impulse die Stimme von sich gibt, bzw. wie sie die Initiative ergreift. Dieses Zusammenspiel von Stimme und Gehör steht demnach sinnbildlich für die Art und Weise, wie die Grundbewegungen, die in China später Yin und Yang genannt werden, in allen Bewegungen der Welt wirken.
Normalerweise wird als erster Kandidat für eine solche Versinnbildlichung das Atmen genannt, mit seinem unablässigen Wechsel von Aufnehmen und Abgeben. Doch die Stimme und das Gehör passen hier meines Erachtens noch besser, u.a. weil die Stimme noch eher das Initiatorische verkörpert. Um mit dem Ausatmen einen Stimmklang frei zu lassen, braucht es immer einen Impuls, so klein er auch oft sein mag.
Die Beziehung von Stimme/Gehör zu dem chinesischen Konzept von Himmel/Erde ist in zwei Hinsichten für mich relevant.
Einmal ist es ein starkes Indiz für eine Vorstellung, die man beim Orpheus-Mythos und besonders der Version, die Rilke in seinen Sonetten formuliert hat, findet.
(Das ist weit hergeholt, ich weiß! Beide Konzepte haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Mich interessiert aber gerade das „so gut wie“, denn eine kleine Überschneidung gibt es halt doch.)
Der Gesang von Orpheus hat eine poetische Ordnung der Welt gestiftet, die als eine Art Lied allen welthaften Ereignissen und Prozessen zugrunde liegt oder über ihnen schwebt. Mit seinem Gesang hat Orpheus den Wesen und Dingen der Welt ein Gehör gestiftet, das dieses Singen erkennt! Die Tiere, Pflanzen und sogar die Steine hören Orpheus zu. Die Welt aus dieser poetischen Ordnung heraus zu verstehen, heißt, allem zuzusprechen, dass es hören und singen kann.
Das führt zu dem zweiten Punkt der Relevanz: In der vocal ecotism-Recherche haben wir vorgeschlagen, den Versehrungen der Welt mit einer künstlerischen Grundhaltung zu begegnen. Wir nehmen die Idee der poetischen Grundhaltung ernst und wollen von dort aus in ein respektvolles Verhältnis gerade zur mehr als menschlichen Welt gelangen. Julliens Konzept des initiatorischen und des rezeptiven Vermögens gibt uns neue Hoffnung, dass unsere Konzentration auf die Stimmkunst und damit auf das System von Stimme und Gehör, eine vielversprechende Entscheidung darstellt. Denn der Gesang als Spiel zwischen Tönen und Hören folgt den gleichen Regeln wie die allem zugrundeliegende lebendige Verbindung von Erde und (irdischem) Himmel im I Ging.
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