23.08.2026

English below!

In den vergangenen Wochen bin ich gleich zweimal auf Sommerfeste gegangen, zu denen ich eingeladen war. Beide Male kannte ich von den anderen Gästen kaum jemanden, was mir die Gelegenheit eröffnete, ein paar gute Gespräche zu führen, die etwas anders verliefen als die in meiner üblichen Bubble. Zugleich ist in mir das Thema der Zugehörigkeit aufgestiegen. Zu welchen Gruppen, Schichten, Lebensformen oder Wertegemeinschaften fühle ich mich zugehörig und wo sehe ich mich eher am Rande stehen?


Die Wortfamilie rund um „gehören“ und „Zugehörigkeit“ ist einer der Glücksfälle der deutschen Sprache, den es so in anderen Sprachen nicht gibt (soweit ich weiß!). In der Zugehörigkeit klingen das Gehör und das Hören mit! Da horcht der Stimmkünstler und -forscher natürlich auf! Sollte die Zugehörigkeit auf eine Weise strukturiert sein, die im Feld von Stimme und Hören auch zu finden ist? Die sprachliche Nähe macht jedenfalls die Frage interessant, inwiefern mir meine Stimme gehört oder zugehörig ist. 


Schauen wir uns etwas genauer an, welche Formen von Zugehörigkeit unterscheidbar sind. 

Zum einen gibt es den wichtigen Unterschied zwischen dem was mir gehört und dem, zu dem ich gehöre. Es gibt Aspekte des Lebens, denen ich zugehörig bin und andere, die mir zugehörig sind, die also mir gehören. 

Des Weiteren gibt es verschiedene Arten, wie Zugehörigkeit zustande kommt.

Bestimmten Aspekten bin ich sozusagen qua Existenz zugehörig, so etwa der Erde, der Menschheit, meistens auch einer Sprachgemeinschaft und einer Familie. 

Anderen Aspekten bin ich qua Entscheidung zugehörig, etwa meinem Berufsstand, meinem Wohnort, vielen Aspekten meiner Lebensform. Ich kann mich manchmal entscheiden, mich zu einer Gruppe oder einer Institution zugehörig zu erklären. 

Einigen Aspekten bin ich allerdings zugehörig, weil sie mir von anderen Menschen und Institutionen zugewiesen werden. Dazu gehört oft die Staatsangehörigkeit. Früher waren die meisten Menschen auch einer Religion zugehörig, weil sie in die jeweilige Religionsgemeinschaft aufgenommen wurden, ohne selbst gefragt worden zu sein. 


Diese drei Arten der Zugehörigkeit sind nicht trennscharf voneinander zu unterscheiden, sondern spielen in den meisten Fällen ineinander. Das ist auch bei der Stimme so. 

Einerseits gehört die Stimme zu den Aspekten meines Lebens, die mir qua Existenz zugehörig sind. Meine Stimme ist einfach ein Teil von mir – und wie wir im Ansatz von Wolfsohn/Hart und stimmfeld sehr gut wissen, der Teil, der auf besonders eindrückliche Weise sowohl meine Lebenserfahrungen als auch die noch nicht gelebten Potenziale zum klanglichen Vorschein bringen kann. Genau hier kann es zu interessanten Konflikten kommen zwischen dem, was mir zugehörig ist und dem was ich mir als zugehörig wünsche bzw. dem was ich lieber nicht als Teil von mir akzeptieren möchte. 

Da kommen auch oft die Zugehörigkeiten mit ins Spiel, die mir von außen zugewiesen werden, ohne dass ich immer die Gelegenheit hätte, mich selbst dazu zu positionieren. 

Man könnte unsere Stimmarbeit als ein Spiel mit diesen Zugehörigkeiten verstehen. Darin lernen wir zuerst die Stimme kennen, die uns zugehörig ist. Dann lernen wir genau diese Stimme mit all ihren Facetten als „meine“ Stimme zu akzeptieren und ins Leben zu integrieren. Und im Laufe dieses Spiels gelingt es im besten Fall immer mehr, den Fremdzuschreibungen, mit denen wir konfrontiert werden, nicht zu erlauben, unser stimmliches Selbstverständnis zu irritieren. 

Am Ende zeigt sich dann vielleicht, dass nicht nur meine Stimme mir gehört, sondern zugleich ich meiner Stimme gehöre!


Does my voice belong to me?

Over the past few weeks, I’ve been to two summer parties to which I was invited. On both occasions, I hardly knew any of the other guests, which gave me the chance to have a few good conversations that were a bit different from those I usually have within my own bubble. At the same time, the issue of belonging has come to mind. To which groups, social classes, ways of life or communities of values do I feel I belong, and where do I see myself as being more on the fringes?


The German word for belonging that I use in this text is: Zugehörigkeit. 

The family of words centred on ‘gehören’ and ‘Zugehörigkeit’ has no equivalent in other languages (as far as I know!). The concept of ‘Zugehörigkeit’ (belonging) resonates with the senses of ‘Gehör’ (hearing) and ‘Hören’ (listening)! Naturally, this catches the attention of a vocal artist and researcher! Could it be that ‘Zugehörigkeit’ is structured in a way that is also found in the realm of voice and hearing? In any case, this linguistic connection raises the interesting question of to what extent my voice belongs to me or is part of me.


Let us take a closer look at the different forms of belonging that can be distinguished. 

Firstly, there is an important distinction between what belongs to me and what I belong to. There are aspects of life to which I belong and others that belong to me – that is, which are mine. 

Furthermore, there are various ways in which a sense of belonging comes about.

I belong to certain aspects of life  simply by the fact of my existence – for example, the Earth, humanity, and usually also a language community and a family.

Other aspects I belong to by choice, such as my profession, my place of residence, and many aspects of my way of life. I can sometimes choose to declare my affiliation with a group or an institution.

 

However, there are certain aspects to which I belong because they have been assigned to me by other people and institutions. This often includes nationality. In the past, most people also belonged to a religion because they were admitted to the relevant religious community without ever having been asked.

 

These three types of belonging cannot be clearly distinguished from one another, but in most cases overlap. This is also the case with the voice.

 

On the one hand, the voice is one of the aspects of my life that belong to me by virtue of my very existence. My voice is simply a part of me – and, as we know very well from the approach developed by Wolfsohn/Hart and stimmfeld, it is the part that can bring to sonic expression, in a particularly striking way, both my life experiences and the potentials I have yet to realise. It is precisely here that interesting conflicts can arise between what belongs to me and what I wish to belong to me, or rather, what I would prefer not to accept as part of myself.

 

Often, this involves the affiliations that are assigned to me from the outside, without me always having the opportunity to take a stance on them myself.

One could understand our voice work as a game with these affiliations. In it, we first get to know the voice that belongs to us. Then we learn to accept precisely this voice, with all its facets, as ‘my’ voice and to integrate it into our lives. And as this exploration unfolds, ideally we become increasingly able to prevent the external projections we are confronted with from disrupting our sense of vocal identity. 

In the end, it may become clear that not only does my voice belong to me, but at the same time I belong to my voice!

12.08.2026

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Seit einiger Zeit verwende ich in meinen Texten auffällig häufig den Begriff künstlerisch. Dann ist die Rede von einer künstlerischen Recherche (nämlich vocal ecotism), von künstlerischer Haltung, einem künstlerischen Leben, künstlerisch motivierten Ansätzen und Aktionen im Rahmen ökologischer Themen und so weiter. Doch was ist damit eigentlich gemeint? Wovon spreche ich oder worauf beziehe ich mich, wenn ich diesen Begriff verwende? 


In der vocal ecotism-Recherche haben wir einen ganz bestimmten Begriff des Künstlerischen entworfen, der für mich mittlerweile als allgemeiner Orientierungspunkt fungiert. Zur Entwicklung dieses Begriffs vom Künstlerischen war es nötig, uns zuerst von einem anderen Verständnis abzugrenzen, das in der gesellschaftlichen Debatte um die ökologischen Krisen oft auftaucht.  Dort wird betont, dass die Kunst für den Prozess eines Bewusstseinswandels so wichtig sei, weil sie die Erkenntnisse der Wissenschaft zugänglicher macht, dafür sensibilisieren kann und so weiter. Das Künstlerische würde dann den Zugang zu Erkenntnissen erleichtern, die aus dem Feld der Wissenschaft stammen. 

Das ist zwar eine Möglichkeit, läuft aber auf die meines Erachtens ganz falsche Unterscheidung hinaus, nach der die Naturwissenschaften für Fakten und Rationalität stehen und die Künste sozusagen für den human touch, die gefühlsbasierte Zugänglichkeit. Dagegen sehen wir Kunst als eine eigene Art des Denkens an, die in diesem Prozess eine Rolle spielt, weil sie die Dinge anders denken und deshalb anders darstellen kann als Wissenschaft oder Politik. Die Kunst ist viel mehr als ein Hilfsmedium für die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse.


Ein entscheidender Unterschied zwischen dem Denken der Naturwissenschaften und dem der Künste besteht darin, dass die Naturwissenschaften die Natur als Objekt betrachten, das ohne Einfluss der Beobachter untersucht werden muss, um klare Resultate zu gewinnen. Die Kunst dagegen sieht den Menschen, der sich mit einem Thema künstlerisch forschend befasst, immer als Teil des gesamten Prozesses, in dem es nicht möglich und nicht wünschenswert ist, eine Trennung zwischen forschendem Subjekt und erforschtem Objekt zu schaffen. Künstlerische Recherche unterläuft diese für die Moderne so typische Subjekt-/Objektunterscheidung und öffnet sich damit Aspekten der Welt, die in der strengen Methodik der Naturwissenschaften gar nicht auftauchen können. So gesehen ist der künstlerische Ansatz der Forschung umfassender als der naturwissenschaftliche! Und sie erlaubt die bitter nötige Korrektur unserer menschlichen Selbstpositionierung zurück in den Kontext der Erde und des Lebens!


In der Recherche von vocal ecotism sind wir durchgehend von einer künstlerischen Logik ausgegangen. Das galt für die Fragestellungen, die uns interessieren, für die innere Haltung der Forschenden, den Prozess der gemeinsamen Erkundung und für die Ergebnisse, die angestrebt wurden. Diese künstlerische Logik impliziert u.a.: Künstlerische Forschung beruft sich auf Erkenntnisse aus allen Bereichen, in denen Erkenntnisse gewonnen werden können und betrachtet sie alle als gleichwertig. Es gibt demnach keine Dominanz etwas der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die aber natürlich in die künstlerische Forschung mit einbezogen werden. So kann man zum Beispiel neueste Daten über die Belastung von Nordseefischen mit Mikroplastik aufrufen und in Verbindung setzen mit einem Wasser-Traum eines Mitglieds unserer Gruppe, der nach der Diskussion der wissenschaftlichen Daten auftaucht. Teil des Forschungsprozesses ist es, diese Gleichwertigkeit von Erkenntnissen in die innere Haltung zu transferieren. Das bedarf einer gewissen Übung. 

Die angestrebten Ergebnisse der künstlerischen Forschung sind nicht in erster Linie neue in Sprache oder Grafiken erfassbare Erkenntnisse – obwohl auch diese entstehen! – sondern künstlerische Aktionen, bzw. Ideen, die zu solchen Aktionen führen können. 


Zugleich weist das Attribut „künstlerisch“ über das Feld der konkreten Kunst-Aktion hinaus und steht für eine allgemeine Haltung, die uns helfen soll, unser Verhältnis zur menschlichen wie zur mehr als menschlichen Welt respektvoll, zugewandt und wertschätzend zu gestalten. 

Wie das aussehen kann, zeige ich in meinen neuen Seminar- und Vortragsangeboten zu vocal ecotism: 

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What does ‘artistic’ actually mean?

For quite some time now, I have been using the term ‘artistic’ with noticeable frequency in my writings. I speak of artistic research (namely vocal ecotism), of an artistic attitude, an artistic life, artistically motivated approaches and actions within the context of ecological themes, and so on. But what does this actually mean? What am I talking about, or what am I referring to, when I use this term?

In the vocal ecotism research, we have developed a very specific concept of the artistic, which now serves as a general point of reference for me. In order to develop this concept of the artistic, it was necessary first to distinguish ourselves from a different understanding that frequently arises in the public debate on ecological crises. There, it is emphasised that art is so important for the process of a shift in consciousness because it makes scientific findings more accessible, can raise awareness of them, and so on. The ‘artistic’ would then facilitate access to insights derived from the field of science. Whilst this is one possibility, it leads, in my view, to a wholly mistaken distinction, whereby the natural sciences are seen as representing facts and rationality, and the arts, so to speak, the ‘human touch’ – that is, emotional accessibility. In contrast, we regard art as a distinct mode of thinking that plays a role in this process, because it can think about thingsdifferentlyand therefore represent themdifferentlyfrom science or politics. Art is much more than merely a medium for disseminating scientific findings.

A crucial difference between the way the natural sciences and the arts think lies in the fact that the natural sciences regard nature as an object that must be studied without the influence of the observer in order to obtain clear results. Art, in contrast, always regards the person engaging with a subject through artistic research as part of the entire process, in which it is neither possible nor desirable to create a separation between the researching subject and the object being researched. Artistic research subverts this subject/object distinction so typical of modernity and thus opens itself up to aspects of the world that cannot even emerge within the rigorous methodology of the natural sciences. Seen in this light, the artistic approach to research is more comprehensive than the scientific one! And it allows us to make the much-needed adjustment of our human perspective, bringing us back into the context of the Earth and of life!

In the research carried out by vocal ecotism, we have consistently proceeded from an artistic logic. This applied to the questions that interest us, to the researchers’ inner attitude, to the process of collaborative exploration, and to the results we sought to achieve. Among other things, this artistic logic implies that artistic research draws on insights from all fields in which knowledge can be gained and regards them all as equally valid. Consequently, there is no dominance of scientific findings, although these are, of course, incorporated into artistic research. For example, one might consult the latest data on microplastic contamination in North Sea fish and link this to a ‘water dream’ experienced by a member of our group, which emerged following a discussion of the scientific data. Part of the research process involves transferring this equivalence of insights into one’s inner attitude. This requires a certain amount of practice.

The intended outcomes of artistic research are not primarily new insights that can be captured in language or graphics – although these do emerge too! – but rather artistic actions, or ideas that can lead to such actions.

At the same time, the term ‘artistic’ extends beyond the realm of concrete artistic action and stands for a general attitude that is intended to help us shape our relationship with both the human and the more-than-human world in a respectful, engaged and appreciative manner.

I’ll be demonstrating what this might look like in my new seminars and talks on vocal ecotism:

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28.06.2026


Vor ein paar Tagen hatte ich mit einer Bekannten, die als Kulturjournalistin mit einem Schwerpunkt in der Literatur unterwegs ist, einen kleinen (freundlichen) Disput über die Rede von Helga Schubert zum Bachmann-Jubiläum in Klagenfurt. 

Die RedeArrow Right

Mir hat an der Rede besonders gefallen, dass Schubert den Primat der Literatur über die Biographie vertritt. Es ist ja beim Feiern von Bachmann nochmal deutlich geworden, dass ihr Werk Gefahr läuft, mehr oder weniger vollständig hinter der Lebenserzählung zu verschwinden. Da fand ich den Aufruf von Helga Schubert, von Bachmann und nicht über Bachmann zu lesen, sehr angemessen und erfrischend. 

Meine Bekannte dagegen war regelrecht erbost, dass Schubert in ihrer Rede nicht einen einzigen einordnenden neuen Gedanken zu Bachmanns Werk formuliert hat. Keine Interpretation, kein Hinweis auf eine Relevanz ihres Werks für die Gegenwart – wenn man von der zeitlosen literarischen Qualität ihrer Schriften absieht. 


Ich gebe zu, an der Kritik ist was dran und mich bringt sie dazu, selbst zu fragen, ob mir ein solcher Gedanke einfällt. (Dabei habe ich mal wieder meine Beschäftigung mit vocal ecotism – Stimmkunst in der versehrten Welt im Hinterkopf und meine Überlegungen stehen im Kontext dieser Suche.)

Meine intensivere Bachmann-Lektüre liegt schon einige Zeit zurück. Vielleicht deshalb kommt mir spontan ein Gedanke, der dann doch wieder an die Rede von H. Schubert anschließt. Sie erzählt darin von zwei Interviews, in denen Bachmann sich auf ihre kluge Art weigert, ihr Werk biographisch oder auch politisch zu deuten. Sie besteht auf die Eigenheit der künstlerischen Rede! „Ausdrücken ist etwas anderes als das Bekunden von Meinungen!“ Ihre Aufgabe als Schriftstellerin sieht sie darin, das was sie zu sagen hat, mit literarischen Mitteln auszudrücken und nicht in eine andere Sprache zu verfallen. 


Das ist mir sehr sympathisch und ich glaube, hier ist für Künstler*innen aller Sparten ein Gedanke ausgesprochen, der wert ist, erinnert zu werden. Es ist nicht nur legitim, sondern notwendig, sich mit der Weltlage zu beschäftigen, aber die künstlerische Positionierung wird nicht stärker, wenn sie sich nicht-künstlerischer Sprachen bedient. Im Gegenteil. 

Diese künstlerische Selbstbeschränkung ist nicht einfach. Sie dient aber der Kunst und sofern man vermuten will, dass die Welt am ehesten durch den Geist der Kunst „gerettet“ werden kann – ein Gedanke, der Bachmann sicher fern lag – dann wird diese Beschränkung zu einer Art künstlerischer Pflicht.  

(Klingt wie ein politisches Statement, ist aber nur eine als Aussage getarnte Frage...)




06.06.2026

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Die Kulturstiftung des Bundes 

hat vor kurzem die dritte Ausgabe ihres Online-Magazins „fünf-zu-eins“ veröffentlicht. 

https://fuenf-zu-eins.de/deArrow Right


Darin stellt sie fünf Leuten aus Kunst und Wissenschaft die Frage:

„Was weiß die Kunst, was wir nicht wissen?“



















Die fünf entstandenen Beiträge stehen für sich und sind sehr wert, rezipiert zu werden. Mich hat besonders angesprochen, dass es in zwei Antworten eine quasi-animistische Betrachtungsweise der KI und Robotik gibt. Einerseits wird die Behauptung formuliert, dass das, was dort entsteht, unsere, also die menschliche Fürsorge benötigt (OMSK social club). Und der Zukunftsforscher S. Inayatullah denkt die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz im Rahmen einer weiter gefassten Entwicklung des „Bewusstseins“, zu dem auch die globalisierte Wahrnehmung der Natur gehört. Da sehe ich eine gewisse Verbindung zur Recherche von 

vocal ecotism – Stimmkunst in der versehrten WeltArrow Right

In beiden Positionen kommt allerdings die ökologische Versehrung der Welt, die ja durch die KI zurzeit noch weiter angefacht wird, nicht zur Sprache. 


Welche Antwort auf die Frage nach dem, was die Kunst weiß, wir aber nicht, 

lässt sich aus der Perspektive von vocal ecotism formulieren?

Das hängt meines Erachtens zunächst davon ab, wer sich hinter dem „wir“, das im Gegensatz zur Kunst etwas nicht weiß, verbirgt. Wer ist dieses WIR? Wir Normalos, die keine Künstler*innen sind? Wir, das Team der Bundeskunststiftung? Wir, die Gesellschaft? Vor allem verbirgt sich hinter diesem Wir die Frage, welches Verhältnis von Kunst und Gesellschaft hier vorausgesetzt wird. Wie verhält sich die Kunst zu allem, was sich nicht Kunst nennt? Wie auch immer, statt auf diesem Pfad weiterzugehen, schlage ich vor das Wir als die Gruppe der Künstler*innen zu verstehen! Dann lautet die Frage: 

Was weiß die Kunst, was wir Künstler*innen nicht wissen? 

So gewendet wird die Frage doch ganz interessant. 


In den Leitlinien einer Stimmkunst in der versehrten WeltArrow Right 

haben wir ganz oben auf die Liste die Leitlinie des Nichtwissens gesetzt. Wir – in diesem Fall die Gesellschaft - sind gegenwärtig in einer Situation (in der versehrten Welt!), in der uns das Wissen über diese Situation offensichtlich nicht hilft, aus ihr herauszufinden. Es scheint notwendig, sich dem zuzuwenden, was wir nicht wissen. Die Situation ist neu! Noch nie zuvor gab es eine globale ökologische Krise dieser Art und dieses Ausmaßes. Die Dynamik des Artensterbens übertrifft alles, was auf der Erde in den vergangenen 10 Millionen Jahren passiert ist, um ein Vielfaches. Die Klimakrise spitzt sich zu und die Umweltverschmutzung ist bis in die letzten Winkel der Erde vorgerückt und dementsprechend in so gut wie jedem menschlichen Körper nachweisbar. Das wissen wir alles! Doch wir wissen nicht, wie wir mit der dramatischen Lage umgehen sollen. Zwar gibt es Lösungen für einige der Probleme, doch es gelingt von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht, sie in die Tat umzusetzen. Im Gegenteil, die weltweite Stimmung wendet sich mehr und mehr von der Sorge um die Erde ab.


Weiß die Kunst, was wir nicht wissen? 


In der vocal ecotism-Recherche sind dazu ein paar Vermutungen aufgekommen:


-    Im Anschluss an den Philosophen Max Scheler sehen wir die Kunst als den Ort an, an den sich bestimmte Weisen, die Welt zu verstehen und sich mit ihr ins Verhältnis zu setzen, zurückgezogen haben, nachdem sie vom rationalistischen und kapitalistischen Weltverständnis ins Abseits gedrängt worden sind. Dazu gehören eigentlich alle Formen des Weltverständnisses, die die Welt und alles in ihr als eine mit Bedeutung oder Bedeutsamkeit getränkte Sphäre behandeln. In den Religionen gibt es noch Restbestände dieser Vorstellung, aber nur in der Kunst wird sie heute als dominante Idee ernst genommen. Müssen wir vielleicht dahin zurück (nach vorne)? Verstehen, dass alles singt in der Welt?


-    Im Anschluss an den Anthropologen Philippe Descola sehen wir die Notwendigkeit, die moderne und weltzerstörerische Idee, dass es eine strikte Trennung zwischen Natur und Kultur gibt, aufzugeben und zu überwinden. Obwohl die moderne Kunst selbst ein Produkt dieses „Naturalismus“ darstellt, findet man in ihr am Ehesten Ansatzpunkte für ein neues, wieder respektvolles Verhältnis zwischen Welt und Menschen. 


-    Nur in der Kunst werden die verschiedenen Zugänge zur Welt wie Wissen, Fühlen, Spüren, Imaginieren, Träumen usw. als gleichberechtigt behandelt. Deshalb stellt die Kunst den Weg dar, um zu einem unserer Zeit angemessenen Weltverständnis zu gelangen. 


Was weiß die Kunst? 

Sie weiß zumindest etwas über die Vielfalt möglicher Weltzugänge. Einer Vielfalt, die WIR in der Moderne und durch den kapitalistischen Geist zuerst geleugnet und dann verloren haben. Mit Hilfe der Kunst finden wir vielleicht Wege raus aus dieser Krise, die eben auch und vielleicht vor allem eine geistige Krise ist. 

The German Federal Cultural Foundation 

recently published the third issue of its online magazine “fünf-zu-eins”.

https://fuenf-zu-eins.de/enArrow Right


The magazine asks five people from the fields of art and science the following question:

“What does art know that we do not?”

The five responses speak for themselves and are well worth reading. I was particularly struck by the fact that two of the answers take a quasi-animistic view of AI and robotics. On the one hand, it is argued that what is being created in this field requires our – that is, human – care (OMSK social club). And the futurologist S. Inayatullah sees the developments in artificial intelligence within the context of a broader evolution of ‘consciousness’, which also includes a globalised perception of nature. I see a certain connection here to the research in 

vocal ecotism – vocal art in a wounded worldArrow Right

In both positions, however, the ecological devastation of the world, which is currently being further accelerated by AI, is not addressed.


What answer to the question of what art knows but we do not 

can be formulated from the perspective of vocal ecotism?

In my view, this depends first and foremost on who lies behind the ‘we’ that, unlike art, does not know something. Who is this ‘WE’? Us ordinary people who are not artists? Us, the team at the Federal Art Foundation? Us, society? Above all, behind this ‘we’ lies the question of what relationship between art and society is assumed here. How does art relate to everything that does not call itself art? Be that as it may, rather than continuing down this path, I suggest we understand ‘we’ as the group of artists! Then the question becomes:


What does art know that we artists do not?

Put this way, the question becomes quite interesting.


In our guidelines for the vocal art in a wounded worldArrow Right

we have placed the principle of not knowing at the very top of the list. We – in this case, society – currently find ourselves in a situation (in this wounded world!) where knowledge of this situation clearly does not help us to find a way out of it. It seems necessary to turn our attention to what we do not know. The situation is new! Never before has there been a global ecological crisis of this kind and on this scale. The rate of species extinction far exceeds anything that has happened on Earth in the past 10 million years. The climate crisis is coming to a head and environmental pollution has spread to the furthest corners of the Earth and is consequently detectable in virtually every human body. We know all this!

Yet we do not know how to deal with this dramatic situation. Although solutions exist for some of the problems, with few exceptions we are failing to put them into practice. On the contrary, global attitudes are increasingly turning away from concern for the planet.


Does art know what we do not?

The vocal ecotism research has given rise to a few hypotheses on this subject:

- Following the philosopher Max Scheler, we regard art as the place to which certain ways of understanding the world and relating to it have withdrawn after being marginalised by the rationalist and capitalist worldview. This actually includes all forms of world understanding that treat the world and everything in it as a sphere imbued with meaning or significance. Remnants of this conception still exist in religions, but it is only in art that it is taken seriously as a dominant idea today. Must we perhaps return (move forward) to this? To understand thateverything singsin the world?

- Following anthropologist Philippe Descola, we see the need to abandon and overcome the modern and world-destroying idea that there is a strict separation between Nature and Culture. Although modern art itself is a product of this ‘naturalism’, we find in it the most promising starting points for a new, respectful relationship between the world and humankind.

- It is only in art that the various ways of engaging with the world – such as knowledge, feeling, sensation, imagination, dreaming, and so on – are treated as equally valid. This is why art provides a path to an understanding of the world that is appropriate to our times.

What does art know? It knows, at the very least, something about the diversity of possible ways of approaching the world. A diversity that WE, in the modern age and under the influence of the capitalist spirit, first denied and then lost. With the help of art, we may find ways out of this crisis, which is also – and perhaps above all – a spiritual crisis.

15.05.2026

sorry, this time only in German. The text is much about translating, too difficult for me to do exactly that! But maybe AI will help!??


Ein paar Überlegungen nach der Lektüre von 

Denkzugänge“ von Francois Jullien (Matthes&Seitz 2026).

Der Philosoph und Sinologe Jullien begleitet mich mit seinen Büchern seit vielen Jahren. Bei ihm finde ich immer wieder neue Anregungen für meine eigene meist künstlerische Beschäftigung mit dem chinesischen Denken. Zugleich ist das Besondere an seinem Ansatz, dass er den Weg über China geht, um in einen Abstand zum eigenen, in dem Fall europäischen Denken zu kommen. Der Einblick in die chinesische Art, die Welt zu sehen, erlaubt uns zu erkennen, wie sehr sichdas europäische Denken, das sich aus den jüdisch-christlichen und altgriechischen Quellen speist, auf bestimmte Grundentscheidungen stützt, die meist als selbst-verständlich und nicht mehr hinterfragbar gelten. Doch das alte China hat andere Grundentscheidungen getroffen und sein Denken deshalb auf andere Weise entwickelt.


In seinem neuen Buch nimmt sich Jullien des ersten Satzes aus dem I Ging, dem berühmten Buch der Wandlungen an und zeigt auf, wie es möglich sein könnte, einen solchen Satz zu übersetzen, ohne ihn einfach in das eigene Denkgebäude zu übertragen.


In diesem Zusammenhang übersetzt er auch die Bezeichnungen der beiden am Anfang stehenden Hexagramme des I Ging neu. In der noch heute als Referenz geltenden Übersetzung von Richard Wilhelm von 1924 steht da für den Himmel das Schöpferische und für die Erde das Empfangende. Jullien macht daraus das

initiatorische Vermögen“ (frz. capacité initiatrice)

und das „rezeptive Vermögen".


Auf die faszinierende Geschichte der europäischen I-Ging-Übersetzungen kann ich hier nicht eingehen. Aber man kann sich nur wundern, was schon aus dem ersten Satz, der aus vier vermeintlich einfachen Begriffen besteht, so alles gemacht wurde und wird!

Jullien gibt die folgende Wort-für-Wort-Übersetzung:


Julliens Wortwahl für die beiden Vermögen - initiatorisch/rezeptiv) erlaubt es mir, diese ursprünglichen Bewegungen oder Kräfte mit der Art in Zusammenhang zu bringen, wie Stimme und Gehör miteinander im Spiel sind: das Gehör steht für ein rezeptives Vermögen, das mitbestimmt, welche initiatorischen Impulse die Stimme von sich gibt, bzw. wie sie die Initiative ergreift. Dieses Zusammenspiel von Stimme und Gehör steht demnach sinnbildlich für die Art und Weise, wie die Grundbewegungen, die in China später Yin und Yang genannt werden, in allen Bewegungen der Welt wirken.


Normalerweise wird als erster Kandidat für eine solche Versinnbildlichung das Atmen genannt, mit seinem unablässigen Wechsel von Aufnehmen und Abgeben. Doch die Stimme und das Gehör passen hier meines Erachtens noch besser, u.a. weil die Stimme noch eher das Initiatorische verkörpert. Um mit dem Ausatmen einen Stimmklang frei zu lassen, braucht es immer einen Impuls, so klein er auch oft sein mag.


Die Beziehung von Stimme/Gehör zu dem chinesischen Konzept von Himmel/Erde ist in zwei Hinsichten für mich relevant.

Einmal ist es ein starkes Indiz für eine Vorstellung, die man beim Orpheus-Mythos und besonders der Version, die Rilke in seinen Sonetten formuliert hat, findet.

(Das ist weit hergeholt, ich weiß! Beide Konzepte haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Mich interessiert aber gerade das „so gut wie“, denn eine kleine Überschneidung gibt es halt doch.)

Der Gesang von Orpheus hat eine poetische Ordnung der Welt gestiftet, die als eine Art Lied allen welthaften Ereignissen und Prozessen zugrunde liegt oder über ihnen schwebt. Mit seinem Gesang hat Orpheus den Wesen und Dingen der Welt ein Gehör gestiftet, das dieses Singen erkennt! Die Tiere, Pflanzen und sogar die Steine hören Orpheus zu. Die Welt aus dieser poetischen Ordnung heraus zu verstehen, heißt, allem zuzusprechen, dass es hören und singen kann.


Das führt zu dem zweiten Punkt der Relevanz: In der vocal ecotism-Recherche haben wir vorgeschlagen, den Versehrungen der Welt mit einer künstlerischen Grundhaltung zu begegnen. Wir nehmen die Idee der poetischen Grundhaltung ernst und wollen von dort aus in ein respektvolles Verhältnis gerade zur mehr als menschlichen Welt gelangen. Julliens Konzept des initiatorischen und des rezeptiven Vermögens gibt uns neue Hoffnung, dass unsere Konzentration auf die Stimmkunst und damit auf das System von Stimme und Gehör, eine vielversprechende Entscheidung darstellt. Denn der Gesang als Spiel zwischen Tönen und Hören folgt den gleichen Regeln wie die allem zugrundeliegende lebendige Verbindung von Erde und (irdischem) Himmel im I Ging.

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