stimmfeld

Ralf Peters 

 Ethos der Stimme

Ethos of Voice

Das Ethos der Stimme ist Kunst.


Seit den Anfängen bei Alfred Wolfsohn und Roy Hart geht es  im Ansatz der Erkundung der menschlichen Stimme zugleich auch um Selbsterkenntnis. Die Arbeit mit der Stimme hat deshalb immer eine ethische Seite. Für mich sind heute die Leitfragen: Wie begegnen sich auf dem Stimmfeld Leben und Kunst? Was heißt künstlerisches Leben? Was bedeutet lebensnahe Kunst?


Buch: Wege zur Stimme

Buch: In Gedanken: singen


Archiv  

Blog


The Ethos of Voice is Art.



Since the beginnings with Alfred Wolfsohn and Roy Hart, the approach of exploring the human voice, to which I feel connected, has been about understanding the voice as part of life. Working with the voice therefore always has an ethical side. For me, some of the leading questions are: How do life and art meet on the vocal field? What does it mean: artistic life? What does it mean: art close to life?


Blog: Ways to the voice


Archive  

Blog

Alfred Wolfsohn mit seiner Schülerin Marita Günther 

in London Ende der 1940er Jahre. 


At the cemetery of Golders Green in London you could find for almost 50 years a plaque with the German phrase „Lerne singen, o meine Seele“, in English: „Learn to sing, o my soul“ that was put there in memory of Alfred Wolfsohn who died in 1962. In spring 2020 the plaque went to a new home in Malérargues, the very place that was founded and inspired by the most important student and successor of AWE (as Wolfsohn was called by his pupils): Roy Hart.


Who was Alfred Wolfsohn, the man who changed the idea of the human voice forever? 


Born in 1896 in Berlin/Germany he was forced to join WW1 when he was only 18 years old. Somehow he survived these four years and got out of it deeply traumatized. It took him a very long time to even find a path that might help him to become a „human being“ again. AWE was convinced that his soul died in the trenches of the war and it was his voice that helped to revive himself. Voices of dying soldiers played a strong role in his traumatizing war experiences and the story of how he connected these experiences with his own voice became one of the famous founding myths of our voice work (myth in the very best sense!). Since then this myth has been retold in different variations. All of them are true.


AWE started to explore his voice and in the 1930s he became a voice and singing teacher. He wrote his famous manuscript „Orpheus or the Way to a Mask“ where he developed his vision of an unchained voice, unchained from cultural restrictions as much as from personal inhibitions and limitations. The process of unchaining in AWE´s sense has very little to do with singing techniques but a lot with exploring the relation between your voice and your soul! Learn to sing, o my soul! In his times AWE´s ideas of the human voice were absolutely new. With his ground breaking work he opened the field for the liberated voice and without him the similarily ground breaking work of Roy Hart and the RHT would not have been possible.


As a German jew AWE emigrated to London in 1939 and started to teach voice again after WW2. There Roy Hart met him and decided to work with him for the next 12 years. After AWE´s death in 1962 Roy Hart created his own artistic and social version and vision of the human voice and this approach is evolving until today. Nevertheless the roots that were planted by Alfred Wolfsohn are still present in our work and our ideas of the human voice. 

Alfred Wolfsohn und Roy Hart


Der Ansatz der Stimmentwicklung und -erkundung, der auf Roy Hart und dessen Lehrer Alfred Wolfsohn zurückgeht und auf den ich mich in meiner Arbeit beziehe, stellt den historisch ersten Versuch dar, die menschliche Stimme aus den Fesseln der Kategorien richtig/falsch und schön/häßlich zu befreien und der ganzen Stimme den Raum zu geben, frei erklingen zu können.


Wege zur Stimme


Wir benutzen in unserem Leben in der Regel nur einen sehr kleinen Teil dessen, was in unserer Stimme an Möglichkeiten angelegt ist.


Jede menschliche Stimme verfügt über einen viel größeren Umfang der Tonhöhe und des Klangfarbenrepertoires, als uns gemeinhin bewußt ist. Alfred Wolfsohn sprach in diesem Zusammenhang von der 8-Oktaven-Stimme. Das ist ein Begriff, der in unserern Ohren wohl etwas zu olympisch klingt. Wieviele Oktaven ein weite Stimme umfaßt, ist eine nachrangige Frage. Wichtig ist uns die Suche nach den Möglichkeiten der Stimme, die sich in Stimmumfang und in einer Vielfalt der Klangfarben ausdrückt.


Wenn wir alle im Prinzip über eine so weite, große Stimme verfügen, warum, fragt man sich dann, sind wir nicht alle spontan in der Lage, unsere Stimme mit all ihren Möglichkeiten zu benutzen? Die Antwort lautet: Kultur! Die Beschränkung der eigenen Stimme beginnt spätestens im Kindesalter mit dem Erlernen der Muttersprache, für die man nur ein gewisses Klangspektrum benötigt, auf das die jeweilige Sprache den Stimmgebrauch für die Zukunft festlegt.


Das sprachlich-soziale Ambiente bestimmt, welche Stimmen in einer Kultur erwünscht sind, d.h. schön klingen, und welche nicht. Wir wissen heute, daß die verschiedenen Kulturen sehr unterschiedliche Vorstellungen von der schönen und passenden Stimme pflegen. Und damit übrigens auch von dem, was denn ein authentischer stimmlicher Ausdruck, also Identität der Stimme bedeutet.


Eng verbunden mit den kulturellen Beschränkungen sind die psychischen Beschränkungen der eigenen Stimme. Im allgemeinen Rahmen der kulturellen Stimmvorstellungen gibt es immer noch Platz für individuelle Schwierigkeiten und Einengungen.


Die Stimmentwicklung, wie wir sie in der Tradition von A. Wolfsohn und Roy betreiben, hat zum Ziel, die ganze Stimme mit all ihren Möglichkeiten kennenzulernen. Dazu gehört es dann auch, sich die Beschränkungen anzuhören, mit ihnen zu arbeiten und sie eventuell zu überwinden.


Mit den Beschränkungen arbeiten! Was soll damit gemeint sein? Die Stimme ist ein Phänomen mit Bedeutsamkeit. In den Worten des Philosophen Aristoteles: Stimme ist ein Zeichen der in der Seele hervorgerufenen Vorstellungen. Jeder Stimmklang verweist mit seinen spezifischen Qualitäten auf den Menschen, der ihn erzeugt hat. Der Begriff der Bedeutsamkeit steht für die Beobachtung, daß die Stimme immer auf mehr verweist als auf sich selbst, auf den Körper, die Stimmung, die eigene Geschichte, die Gefühle, auf Assoziationen usw.


Jedenfalls heißt das für unsere Art der Stimmentwicklung: Die Beschränkungen, die Merkwürdigkeiten, die sogenannten falschen Töne interessieren uns ganz besonders. In diesen Klängen stecken die spannenden Geschichten und oft genug die Ansätze zu der eigenen Stimme.


Man könnte annehmen, dieses Interesse für die Beschränkungen der Stimme würde dem Ziel ihrer Erweiterung zur ganzen Stimme widersprechen. Wie soll man je zu allen Möglichkeiten der Stimme vordringen, wenn man sich dauernd mit dem beschäftigt wo es hakt? Doch die Suche nach den Bedeutungen eines Stimmklangs soll in der praktischen Arbeit gerade darin münden, daß man erstens in der Lage ist, alle Klänge, auch einen sogenannten falschen, bewußt zu erzeugen - denn oft genug geschehen einem diese Klänge, ohne daß man sie machen wollte – und zweitens, dann auch in der Lage ist, einen Klang in einen anderen zu transformieren.


Im Unterschied zu den üblichen Ansätzen der Stimmentwicklung machen wir also keinen Wertunterschied zwischen den "guten" und den schlechten, bösen, schwachen, falschen Stimmklängen. Uns geht es nicht um die Kultivierung der richtigen Gesangsstimme, sondern um die Erforschung der ganzen Stimme mit den Bedeutungen ihrer unzähligen Stimmklänge. Und dann für diejenigen, die weiter gehen wollen, um den Einsatz dieser Klänge in einem künstlerischen Rahmen.


Die Erforschung der Bedeutsamkeit der menschenmöglichen Stimmklänge ist ein sozialer Prozess, der nur in geringem Maße im stillen Kämmerlein vonstatten gehen kann. Man braucht Menschen die zuhören, die mittönen, die ihre Kommentare zu Stimmklängen abgeben.

Diese Website verwendet Cookies. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzerklärung für Details.

OK